Papierblumen im Büro

Ein Zuhause retten

Das war im November, ein richtiger Grautag, als ich das erste Mal bei den Bauers geklingelt hab. Ich sollte eigentlich nur die Papiere in Ordnung bringen, so ein bisschen Bürokram, Akten sortieren, das Übliche. Nichts Ungewöhnliches, dachte ich.

Aber dann hab ich die Tür aufgemacht und gleich gespürt: Hier stimmt was nicht.

Frau Bauer hat mich angelächelt, so ein nettes Lächeln, aber die Augen – die sind nirgends hängen geblieben. Einfach aktiv die ganze Zeit und dann ist sie gleich weg in die Küche und hat da angefangen irgendwas zu machen. Herr Bauer kam noch nicht einmal dazu, ihr zu erklären wer ich bin. Das hat eine typische Aura ergeben.

Ich hab angefangen mit den Akten. Und je länger ich da saß, desto mehr hab ich gemerkt wie es wirklich steht. Medikamentenrechnungen stapelweise und alles durcheinander. Dann hat Herr Bauer mir erzählt, dass seine Frau nachts manchmal durch die Wohnung irrt. Und er hat das alles alleine geschultert – dabei ist er selber krank und körperlich stark eingeschränkt.

Dann hat er mir eines Abends erzählt, dass sein Umfeld darauf drängt, dass sie in ein Seniorenheim umziehen, und er nicht genau weiß wie es weitergehen soll. Was soll man da groß sagen?

Ich hab ihm dann die Nummer vom Seniorenbüro gegeben. Das mach ich öfter, wenn ich merke dass jemand mehr braucht als ich alleine geben kann. Die Leute vom Seniorenbüro sind dann irgendwann sogar bei ihm zu Hause vorbeigekommen, haben sich ein Bild gemacht und wir haben uns lange unterhalten. Später war dann noch ein Richter da, um festzustellen ob Herr Bauer sich selbst vorsorgen kann – und das wurde ihm bestätigt.

Herr Bauer hat kurz aufgeatmet. Aber dann ist es schlimmer geworden. Frau Bauer wurde immer schwieriger. Dennoch hat Herr Bauer gesagt: Pflegeheim kommt für uns nicht infrage. Da die Nachbarschaftshilfe, die wir gemeinsam organisiert hatten, nur tagsüber und nicht dauerhaft da sein kann, hat er die Idee gehabt, dass ich das Büro umräumen könnte und eine 24-Stunden-Kraft organisiere. Das haben wir in drei kurzen Sätzen auf Papier festgehalten und dann hab ich das für die beiden so gemacht.

Wir haben Vermittlungsagenturen kontaktiert, Angebote und Infos eingeholt – was das ungefähr kostet, wie man das über die Pflegekasse regeln kann. Das wusste ich bis dahin auch noch nicht aus meiner Praxis, das haben wir gemeinsam gelernt, mitten in der Situation. Schließlich hat er einen Vertrag mit einer Agentur unterschrieben, und die haben jemanden geschickt, der jetzt in dem ehemaligen Büro wohnt.

Frau Bauer hat diesen Mann sofort gemocht. Weiß ich nicht warum, manchmal passt es einfach. Die Nächte wurden ruhiger, die Medikamente wurden eingenommen, und für einen vollen Kühlschrank war wieder gesorgt. Ich geh noch ab und zu bei den Bauers vorbei – aber nur um wieder meine ursprüngliche Aufgabe zu erledigen.

Und gerade jetzt, wo ich mich an den Schreibtisch setze und diese Geschichte aufschreibe, kommt die Sonne durchs Fenster – und ich denk mir: Genau dafür mach ich das!

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