Ich wohne in Haslach in einem großen Wohnblock aus den 30er Jahren – Nachbarschaft im eigentlichen Sinne gibt es hier kaum. Anfangs habe ich versucht, Kontakt zu den Nachbarn aufzubauen, bin aber meist auf Ablehnung gestoßen. Trotzdem beobachte ich mein Umfeld gerne aufmerksam, auch weil ich selbst Hunde habe und so automatisch mitbekomme, wer sonst noch welche hält.
Im Nachbarhaus lebte eine alte Dame mit einem quirligen jungen Jack-Russell-Rüden namens Rex – eigentlich viel zu lebhaft für sie. Sie behandelte ihn schroff, wies aber jedes Angebot, mit ihm spazieren zu gehen, weit von sich. Auch sonst war an sie kaum heranzukommen: misstrauisch, gesprächsscheu, jede Annäherung blockte sie ab.

Umso mehr überraschte es mich, als ich Jahre später einen Zettel in meinem Briefkasten fand: Ich solle sofort vorbeikommen und den Rex holen. Dass sie überhaupt wusste, wer ich war – und warum sie annahm, ich würde einer solchen Aufforderung folgen –, war mir schleierhaft. Gesprochen hatten wir bis dahin praktisch nie miteinander. Aber mir war klar:
Die Frau war allein, und irgendetwas musste passiert sein.
Ich ging hin. Sie erklärte mir, ohne zu fragen, ob ich das überhaupt könnte: Sie müsse am nächsten Tag ins Krankenhaus, wisse nicht, wann sie zurückkäme, und ich müsse Rex nehmen. Da ich noch Kapazität für einen dritten Hund hatte, nahm ich ihn in Pflege. Er blühte bei uns auf – bei seinem Frauchen war er nie über die kurze Leine vors Haus hinausgekommen.

Ich besuchte die Dame im Krankenhaus. Aus den angekündigten Tagen wurden zwei Monate – ein offenes Bein wollte nicht heilen. Als sie zurückkam, konnte sie noch schlechter laufen. Ich bot an, dass Rex bei uns bleiben und ich ihn regelmäßig zu Besuch bringen könnte. Sie schrie mich nur an, ich solle verschwinden.
Von da an beobachtete ich aus der Ferne
Ich wohnte gegenüber und konnte auf ihr Fenster sehen –, wie es ihr zunehmend schlechter ging. Sie versuchte es noch mit Hundesittern, war aber auch zu denen so unfreundlich, dass keiner blieb. Irgendwann öffnete der Laden gar nicht mehr, weder sie noch der Hund waren draußen zu sehen. Ich nahm an, sie sei ins Altersheim gekommen und der Hund im Tierheim gelandet.
Dann hörte ich, dass sie mehrere Tage tot in ihrer Wohnung gelegen hatte, bevor es auffiel. Aus Sorge um den Hund rief ich im Tierheim an. Er war tatsächlich dort – ihre Betreuerin hatte die Kosten übernommen, er war in schlechtem Zustand angekommen. Mit 13 Jahren war er nicht leicht zu vermitteln, aber ich holte ihn ab, auch wenn er eigentlich nicht in unser Leben mit jüngeren Hunden und kleiner Wohnung passte.
Ohne große Hoffnung
Ich gab ich eine Vermittlungsanzeige auf. Es meldete sich eine 76-jährige Dame aus demselben Viertel: Ihr eigener Jack Russell war im selben Jahr vergiftet worden, und sie wünschte sich noch einmal einen alten Hund zum Spazierengehen – sie habe Erfahrung und Leute, die im Krankheitsfall einspringen könnten. Bei ihrem Besuch war sie sichtlich bewegt, weil Rex ihrem verstorbenen Hund ähnelte. Und Rex selbst blühte in ihrer Wohnung sofort auf – vermutlich, weil auch sie starke Raucherin war und ihre Wohnung ähnlich roch wie die seiner früheren Besitzerin. Nach einer Nacht Bedenkzeit war klar: Die beiden passten zusammen.

So kam es auch. Rex, nun Maxl genannt, führte noch fünf gute Jahre mit ihr – Auslauf, Seebäder, ein aktives Hundeleben. Da die Dame in ihrem Viertel einsam war und ihre Kinder weit weg lebten, brachte ich sie mit einer Freundin von mir zusammen, die in derselben Gegend wohnte. Die beiden verstanden sich gut, meine Freundin half bei größeren Einkäufen und gelegentlich im Haushalt.
Als Maxl mit fast 18 Jahren starb, entschied die Dame vernünftig, mit über 80 keinen Hund mehr zu nehmen. Meine Freundin besuchte sie aber weiter und half beim Einkaufen – Kontakt bestand alle paar Tage. Als sie sie einmal weder telefonisch noch über WhatsApp erreichte, ging sie zur Wohnung, klingelte vergeblich, hörte aber leise Rufe durch die Tür und alarmierte die Feuerwehr. Die Dame war gestürzt und hatte bereits zwei Tage hilflos im Schlafzimmer gelegen.
Hier schließt sich der Kreis
– und erklärt, warum ich diese Geschichte unter dem Thema Nachbarschaft erzähle: Hätte ich nicht den Hund meiner Nachbarin übernommen, ihn weitervermittelt und die neue Halterin mit einer Freundin aus ihrer Nachbarschaft verkuppelt, wäre die Dame – heute 86 – vermutlich nicht mehr am Leben. Sie hat sich damals gut erholt, ist mental klar und lebt bis heute allein, unterstützt durch eine Nachbarschaftshilfe.