An der Roßschwemme (1)

An Omas Rockzipfel kochen gelernt

Ich wurde 1954 geboren, meine Mutter war damals 18 Jahre alt und ledig – im verstaubten Nachkriegsdeutschland eine große Sünde. Pro forma verlobten sich meine Eltern an Pfingsten, um wenigstens ein wenig die Form zu wahren. Bis sie schließlich heirateten, vergingen zwei Jahre, die ich bei meiner Oma verbringen durfte. Ohne diese Unterstützung, wer weiß, wie alles gekommen wäre.

Meine Oma hatte drei Töchter und sich immer einen Sohn gewünscht. Nun war ich ihr Erster: ihr Enkelsohn, ihr „Wolfgängle“. Und liebe LeserInnen, glauben Sie mir – als Nummer eins ging es mir dabei sehr gut.

Wir wohnten beim städtischen Schlachthof, wo mein Opa als Metzger arbeitete. Er stellte die Schwarzwürstle für die ganze Familie selbst her, und ich erinnere mich genau an die Zinkwanne, die dafür in der Küche stand. Das Blut mussten wir ständig rühren, damit es nicht gerann, dann kamen fetter Speck und Gewürze hinzu. Wir Enkel durften immer als Erste probieren – ich kann mich nicht erinnern, je wieder so leckere Würstle gegessen zu haben.

Vermutlich hing ich meiner Oma damals ständig am Rockzipfel, auch am alten Holzherd war ich immer dabei. Wahrscheinlich bin ich deshalb später zum Hobbykoch geworden. Besonders gut erinnere ich mich an ihre Spiegeleier – bei uns im Badischen sagt man auch „Ochsenauge“ dazu –, wenn die Butter in der Pfanne schmolz. „Schau, Wolfgängle, die Eier müssen in der Pfanne springen vor Freude“, sagte meine Oma dann immer. Noch heute esse ich gerne ein Ochsenauge zum Frühstück.

Direkt gegenüber, über der Straße, lag eine Rossschwemme, in der die Pferde gewaschen wurden. Im Winter war sie zugefroren, und ich brach beim Spielen am Rand ein. Pitschnass kam ich nach Hause – doch statt Schimpfe gab es nach dem Trockenrubbeln einen heißen Kakao. „Gut, dass nichts passiert ist, Wolfgängle“, sagte meine Oma nur und strich mir zärtlich übers Haar. Ein böses Wort habe ich von ihr nie gehört. Und so zärtlich übers Haar gestrichen worden bin ich seitdem auch nie mehr.

Wolfgang Rombach, Freiburg

PS: Meiner noch lebenden Mutter habe ich nie von dieser Geschichte erzählt.

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